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Suchtgedächtnis
Die meisten Menschen wissen, dass ein trockener Alkoholiker nie wieder mit Alkohol in Berührung kommen darf, wenn er keinen Rückfall erleiden möchte. Diese Aussage möchte ich hier ganz eindeutig widerlegen, denn man kann durchaus mit Alkohol in Berührung kommen, ohne eine Gefahr einzugehen. Außerdem gibt es auch eine wichtige Ergänzung zu der oben genannten Aussage, die nur die wenigsten Menschen kennen. Es gibt genügend alkoholfreie Gefahren, die aufgrund ihrer Alkoholfreiheit unterschätzt werden. Die typische Praline kennt jeder, wenn es aber um ein Rumaroma ohne Alkohol geht, stoße ich leider immer wieder auf Unverständnis. Obwohl es nach einem Widerspruch klingt, ist es möglich, Alkohol einzunehmen, während man abstinent lebt. Der Rückfall wird in der Regel nicht durch den Alkohol selbst ausgelöst. So gibt es beispielsweise Medikamente, die Alkohol enthalten, deren Geschmack aber nicht an den des Alkohols erinnert. Diese Medikamente könnte ein trockener Alkoholiker ohne Probleme einnehmen. Das einzige Problem hierbei wird durch die psychische Anhängigkeit ausgelöst. Das Wissen darum, etwas Alkoholisches zu sich genommen zu haben, kann durchaus zum Problem werden. Würde ich allerdings unwissend ein alkoholhaltiges Medikament einnehmen, so würde sich überhaupt keine Rückfallgefahr ergeben, weil ich nicht mal merken würde, dass ich Alkohol eingenommen habe. Es gibt alkoholfreie Lebensmittel, die wesentlich gefährlicher sind, als ein solches Medikament. So kann ich hier zum Beispiel das Rumaroma benennen, welches üblicherweise in verschiedenen Rezepten für Kuchen enthalten ist. Alleine der Geruch dieses Rumaromas löst in mir einen Trinkgedanken aus. Komme ich unverhofft in eine solche Situation, entsteht eine sofortige Gefahr. In diesen Momenten bin ich nur noch damit beschäftigt, den Trinkwunsch zu verdrängen. Ich muss den Geschmack oder den Geruch des Rumaromas unbedingt loswerden, um nicht rückfällig zu werden. Diese Situationen sind sehr schwer, und kosten viel Kraft. Ist so eine Konfrontation allerdings nicht ganz unverhofft, ist es entsprechend leichter, damit fertig zu werden. Manchmal gehe ich dieses Problem ganz beabsichtigt an, um einfach für mich mal zu überprüfen, wo ich stehe. Diese Versuche sind oft auch mit der Hoffnung verbunden, die Konfrontation mit dem Geruch oder dem Geschmack irgendwann völlig ohne Probleme durchleben zu können. Jedoch denke ich, dass sich an der Problematik nie etwas Wesentliches ändern wird. Die Tatsache, dass das überhaupt so passiert, hängt mit der Aktivierung/Erweckung des Suchtgedächtnisses zusammen. Es wird durch das ständige Widerholen von Zusammenhängen trainiert. So wurde zum Beispiel meine ständige Erleichterung gespeichert, die ich nach den ersten Gläsern empfunden habe. Erlebe ich also eine Stress-Situation, in der ich mir eine Erleichterung wünsche, so springt das Suchtgedächtnis sofort an, und erinnert mich daran, dass die gewünschte Erleichterung durch diese ersten paar Gläser erreicht werden könnte. Erschwerend kommt hinzu, dass Alkohol die Lernfähigkeit erleichtert, so dass sich durch das ständige Reizen des Gehirns noch viel leichter ein Suchtgedächtnis bilden kann, während man noch aktiv in der Sucht handelt. Es ist eine automatisierte Handlung, die man über Jahre lernt. Allerdings werden die Impulse, die vom Suchtgedächtnis ausgehen, immer seltener, je länger man trocken ist. Die Gegenkonditionierung, die bei mir seit fast 3 Jahren funktioniert, besteht aus einer Trotzreaktion, mich von diesen Standardsituationen nicht beeindrucken zu lassen. Es ist, als würde ich sagen: „Jetzt erst recht nicht!“ Die innere Vorwarnung einer typischen Trinksituation, die jeder sicherlich anders wahrnimmt, ist der Vorteil im Kampf dagegen. Seit dem Tag, an dem ich mich entschlossen habe, aus der aktiven Sucht auszusteigen, gab es bei mir 4 Rückfälle. Keiner davon wurde durch eine oben beschriebene Standardsituation ausgelöst. Vielmehr waren es äußere Einflüsse, auf die ich mit Selbstzerstörung durch Alkoholkonsum reagiert habe. Vielleicht war es eine Art Entladung meiner Wut, Verletzung und Enttäuschung gegen mich selbst. Zur damaligen Zeit konnte ich solche Trinksituationen nicht abschätzen, und wurde regelrecht vom Rückfall überrascht. Solche unbekannten Auslöser stellen eine besondere Gefahr dar, denn es ist immer schwerer gegen einen Feind zu kämpfen, den man nicht sehen kann. Mir ist es im Laufe der Zeit oft passiert, dass die unscheinbarsten Kleinigkeiten einen massiven Trinkwunsch ausgelöst haben. Das kann zum Beispiel ein Lied sein, das mich an ein angenehmes Trinkerlebnis erinnert. Es gab in der ganzen Zeit der aktiven Sucht viele schöne Erfahrungen, die ich mit dem Trinken verbinde. Mir ging es nicht immer schlecht, wenn ich getrunken hatte. So habe ich damals auch schon eine leidenschaftliche Liebe zur Musik gehabt. So gibt es Lieder, CDs oder andere Gegenstände, die mit dem trinken verknüpft sind. Es bedarf einer neuen Konditionierung und einer Menge Sturheit, diese Dinge vom Alkoholkonsum zu entkoppeln. |
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