Kontrollverlust

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Beschreibung des Kontrollverlustes von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich ist. Hier an dieser Stelle möchte ich meine eigene Beschreibung einbringen, und erklären, wie ich den Kontrollverlust verstehe.

Der Kontrollverlust wird als ein Indiz für die psychische Abhängigkeit beschrieben. Man könnte darunter verstehen, dass die Unfähigkeit gemeint ist, die Menge zu kontrollieren, die man zu sich nimmt. Ein Mensch, der jeden Tag trinken muss, hat eindeutig die Kontrolle über sich und sein Trinkverhalten verloren. Ich sehe allerdings noch einen weiteren Punkt, den ich als Kontrollverlust beschreiben möchte. Ich gehöre zu den Wirkungstrinkern, was bedeutet, dass ich trinke, um die betäubende Wirkung des Alkohols zu spüren. Meine Verträglichkeit von Alkohol ist sehr hoch, was zur Folge hat, dass sich die gewünschte Wirkung erst sehr spät einstellt. Ich muss schon eine erhebliche Menge trinken, um ein Gefühl der Zufriedenheit mit der Wirkung zu erzielen. In dem Moment, in dem ich das erste Glas trinke, habe ich eine bestimmte Vorstellung von der Wirkung, die ich erzielen möchte. Ist diese Wirkung erreicht, steigt der Wunsch eine noch etwas intensivere Wirkung zu erlangen, die ich bereits kenne, und mir auch wieder sehr klar und deutlich vorstellen kann. Ist auch dieses „Ziel“ erreicht, so steigt der Wunsch erneut an, die Wirkung zu verstärken. Dieses Gefühl ist mit dem Wunsch nach einem Kick verbunden, der nie erreicht wird. Der Zwang, diesen Kick unbedingt erreichen zu wollen, lässt die Wahrnehmung für die Realität verschwinden. Das heißt, dass man gar nicht mehr wahrnimmt, wie unerreichbar dieser Kick und die Erfüllung des Wunsches danach ist. In solchen Momenten bin ich immer wieder davon überzeugt, meinen Konsum so kontrollieren zu können, dass sich die erhoffte Wirkung einstellt. Zumeist schieße ich dann aber über das Ziel hinaus, und bin betrunkener, als ich es sein wollte. Dann schmerzt dieser Zustand, weil mir dann bewusst wird, dass ich an einem Punkt angelangt bin, an dem ich die Kontrolle verloren habe.

Man kann den Kontrollverlust auch noch etwas anders beschreiben. Nimmt man mich zum Beispiel als eine trockene Alkoholikerin, so beginnt der Kontrollverlust weit vor dem ersten Glas. In dem Moment, in dem die Entscheidung zum Rückfall fällt, habe ich die Kontrolle verloren, und bin nicht mehr in der Lage über mich selbst zu entscheiden.

Ein weiteres Beispiel für den Kontrollverlust ist die ungewollte Veränderung, die im Rausch stattfindet. Ich bin zum Beispiel in der Lage, die früher gewohnte Menge Alkohol in der früher üblichen Zeit (1 Flasche Korn in 5 Stunden) zu mir zu nehmen. In dieser Zeit findet eine Entwicklung statt, die man als eine Art Zeitreise betrachten kann. Zu Beginn befinde ich mich in der heutigen Zeit, in der ich eine Frau bin, die versucht, so weit wie möglich für ihre Gesundheit zu sorgen. Ich führe ein fast geregeltes Leben mit klarem Kopf und der bewussten Wahrnehmung meiner Gefühle und einem leicht gesteigerten Selbstbewusstsein. Mit dem ersten Glas gehe ich in der Zeit soweit zurück, bis ich wieder an dem Punkt angekommen bin, an dem ich vor knapp 3 Jahren war. Ich trinke mich bis in die unterste Ebene der Gesellschaft zurück, auf der ich wieder vor der Entscheidung zwischen Leben und Sterben stehe. Es ist wie eine Strafe, so weit unten zu sitzen, und ich bin dann sehr unglücklich mit diesem Zustand. Die Art von Kontrollverlust, die ich hier anspreche, wird dadurch beschrieben, dass ich rückfällig werde, obwohl ich das bevorstehende Unglück erkenne. Ich lasse verschwinden, was ich sonst als einen Schatz betrachte, mein Gedankengut und die (Fähigkeit zur) Analyse.

Meine Wahrnehmung hat sich verändert, so dass ich eine Gefahrensituation erkennen kann, bevor sie zur Gefahr wird. Ich kann dann entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen, die mir helfen, die Kontrolle nicht zu verlieren. Die Erfahrung des Kontrollverlustes macht allerdings auch Angst, irgendwann erneut in der Falle zu sitzen. Diese Angst wiederum macht vorsichtig. Der hier beschriebene neue Umgang mit der Gefahr ist das Gegenteil des Kontrollverlustes.

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